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Schmeißfliege Calliphora vicina

Schmeißfliege
Mittleres Risiko Krankheitsüberträger Physische Gefahr

Taxonomische Klassifikation

Reich Tiere (Animalia)
Stamm Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse Insekten (Insecta)
Ordnung Zweiflügler (Diptera)
Familie Calliphoridae
Gattung Calliphora
Art Calliphora vicina
Wissenschaftlicher Name: Calliphora vicina Robineau-Desvoidy, 1830
Akzeptierter Name
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Einleitung

*Calliphora vicina* ist eine Fliegenart aus der Familie der Schmeißfliegen (Calliphoridae), die durch ihren metallisch blau-schwarzen Körper und eine typische Länge von 10 bis 12 Millimetern charakterisiert ist. Die Art, die historisch oft unter dem Synonym *Calliphora erythrocephala* geführt wurde, unterscheidet sich von der ähnlichen *Calliphora vomitoria* primär durch ihre orangefarbenen Wangen (Genae) und die helle Basicosta.[1] Als synanthroper Kulturfolger ist sie weltweit verbreitet und nimmt aufgrund ihrer schnellen Kolonisierung von Verstorbenen eine zentrale Rolle in der forensischen Entomologie zur Bestimmung der Leichenliegezeit ein.[1][2]

Name & Einordnung

Die Art *Calliphora vicina* wurde im Jahr 1830 erstmals durch den französischen Entomologen Jean-Baptiste Robineau-Desvoidy wissenschaftlich beschrieben.[1][2] Die Erstbeschreibung erfolgte in seinem grundlegenden Werk *Essai sur les myodaires*, das in den *Mémoires* der französischen Akademie der Wissenschaften publiziert wurde.[2] Der Gattungsname *Calliphora* leitet sich aus dem Griechischen ab, wobei *kallos* „schön“ und *phoros* „Träger“ bedeutet, was auf den irisierenden metallischen Glanz dieser Fliegen anspielt. Das Artepitheton *vicina* entstammt dem Lateinischen (*vicinus*) und bedeutet „benachbart“ oder „nahe gelegen“, was die taxonomische oder räumliche Nähe zu verwandten Arten unterstreicht.[1] Historisch kam es aufgrund der phänotypischen Ähnlichkeit häufig zu Verwechslungen mit *Calliphora vomitoria*, was zu Fehlbestimmungen in frühen Aufzeichnungen führte.[2] Ein bedeutendes Synonym ist *Calliphora erythrocephala* Meigen, 1826, das heute als konspezifisch mit *C. vicina* gilt.[1] Im deutschsprachigen Raum wird die Spezies als Schmeißfliege bezeichnet.[2] International sind die englischen Trivialnamen „blue bottle fly“ oder „near blowfly“ gebräuchlich. Systematisch gehört die Art zur Unterfamilie Calliphorinae und bildet phylogenetischen Analysen zufolge eine Schwestergruppe zu *Calliphora vomitoria* und *Calliphora nigribarbis*. Die taxonomische Stabilität der Art wurde durch moderne genomische Untersuchungen, wie die Assemblierung des Genoms im Jahr 2024, bestätigt.[1]

Aussehen & Bestimmungsmerkmale

Die adulten Tiere von *Calliphora vicina* sind robuste, mittelgroße Fliegen mit einer Körperlänge von typischerweise 10 bis 12 mm. Der Körper weist eine charakteristische metallisch blau-graue bis blau-schwarze Grundfärbung auf. Der Kopf ist schwarz, wobei die Wangen (Genae) als wichtiges Bestimmungsmerkmal orange bis rötlich-gelb gefärbt sind. Die Augen erscheinen bräunlich, und die Antennen sind dreigliedrig mit gefiederten Aristae ausgestattet. Ein deutlicher Sexualdimorphismus zeigt sich in der Augenstellung: Männchen sind holoptisch mit sich fast berührenden Augen, während Weibchen dichoptisch sind und die Augen durch eine Stirnleiste getrennt bleiben. Am Thorax fällt das orangefarbene vordere Stigmenpaar (anterior thoracic spiracle) auf. Die Flügel sind gräulich bis transparent, wobei die Basicosta (ein Sklerit an der Flügelbasis) gelb bis orange gefärbt ist. Diagnostisch relevant ist zudem der dunkle untere Calypter, der auf der Oberseite behaart ist, sowie das Fehlen einer Haarreihe auf der Oberseite der Stammader. Die Beine sind vollständig schwarz gefärbt.[1] Zur Abgrenzung gegen die verwechselbare *Calliphora vomitoria* dienen vor allem die orangefarbene Wangenregion und die gelbe Basicosta, da *C. vomitoria* schwarze Wangen und eine bräunlich-schwarze Basicosta besitzt. Die Eier sind länglich, weiß oder blass gefärbt und werden in Gelegen von 100 bis 200 Stück abgelegt. Die Larven durchlaufen drei Stadien, wobei das erste Stadium 0,9–1,5 mm und das dritte Stadium 4–14 mm Länge erreicht. Die Verpuppung erfolgt in einem tönnchenförmigen, rotbraunen Puparium.[1]

Bedeutung, Schäden & Prävention

Calliphora vicina tritt primär als Hygieneschädling und Lästling auf, der durch den Kontakt mit Aas und Fäkalien potenziell Krankheitserreger übertragen kann. Medizinisch relevant ist die Art zudem als Verursacher von Myiasis (Fliegenmadenkrankheit) bei Menschen und Tieren, wobei Larven insbesondere vernachlässigte offene Wunden oder verschmutztes Fell besiedeln. Ohne Behandlung können solche Infestationen zu schweren Sekundärinfektionen führen, weshalb in der Veterinärmedizin Wundhygiene und die Entfernung von Verschmutzungen als wichtigste Präventionsmaßnahmen gelten.[4] Trotz des Schadpotenzials fungiert die Fliege als bedeutender Nützling in der forensischen Entomologie zur Bestimmung des Todeszeitpunkts (Post-Mortem-Intervall), da sie Leichen selbst bei kühlen Temperaturen um 13 °C oder in Innenräumen rasch kolonisiert.[2] Biotechnologisch werden die Larven als Quelle für antimikrobielle Peptide genutzt, die effektiv gegen bakterielle Biofilme wirken, sowie zur Gewinnung immunmodulatorischer Wirkstoffe.[1] Auch in der Landwirtschaft wird ihr Potenzial als bestäubendes Insekt für Kulturen wie Karotten und Avocados erforscht, um Honigbienenbestände zu ergänzen. Das Management von *Calliphora vicina* im urbanen Raum basiert auf strikter Hygiene durch die unverzügliche Beseitigung verwesender organischer Substanzen, um Eiablageplätze zu minimieren. Zur biologischen Regulierung tragen natürliche Feinde wie Vögel oder der Parasitoid *Alysia manducator* bei, welche die Populationen dezimieren. Bei der chemischen Bekämpfung mittels Insektiziden liegt der Fokus der Forschung zunehmend auf der genetischen Analyse von Resistenzmechanismen, um die Wirksamkeit langfristig zu sichern.[4] Forensische Monitoring-Methoden nutzen komplexe Modelle der akkumulierten Gradstunden (ADH), wobei temperaturbedingte Entwicklungsdaten präzise Rückschlüsse auf das Alter der immaturen Stadien erlauben.[4][2]

Biologie & Lebenszyklus

Calliphora vicina durchläuft eine holometabole Entwicklung, die bei Temperaturen von 20–27 °C typischerweise 18 bis 25 Tage vom Ei bis zur Imago beansprucht.[1][2] Die Weibchen sind ovipar und legen im Laufe ihres Lebens 3 bis 4 Gelege mit jeweils 50 bis 100 Eiern, insgesamt bis zu 500 Eier, auf geeignetes Substrat ab.[4][2] Als Brutmedium dienen vorwiegend Aas und verwesendes organisches Material, wobei die Larven nekrophag sind und Gewebe durch sekretierte proteolytische Enzyme verflüssigen.[2] Die länglichen Eier werden in Clustern abgelegt und schlüpfen bei 25 °C bereits nach 12 bis 24 Stunden. Das Larvalstadium gliedert sich in drei Instare: Das erste Stadium (0,9–1,5 mm) dauert etwa 24 Stunden, gefolgt vom zweiten (2–4 mm) über 20 Stunden und dem dritten Stadium (4–14 mm), das 48 bis 72 Stunden frisst. Nach der Fressphase wandern die Drittlarven in trockenere Bereiche ab, um sich in einem rötlich-braunen Tönnchen zu verpuppen, wobei die Metamorphose 10 bis 14 Tage dauert.[1] Die Entwicklungsgeschwindigkeit korreliert stark mit der Temperatur, wobei der untere Entwicklungsschwellenwert je nach Population zwischen 1 °C und 6 °C liegt.[2] Temperaturen über 35 °C wirken oft letal oder verhindern die Verpuppung, während das Optimum für die Eiablage zwischen 13 °C und 24 °C liegt.[3][2] In kühleren Klimazonen überwintert die Art meist als Drittlarve oder Puppe in einer Diapause, die durch photoperiodische Signale gesteuert wird.[6] Embryonen zeigen ab einem Entwicklungsgrad von 20 % eine erhöhte Kältetoleranz und können kurzzeitig Temperaturen bis -2,5 °C überstehen.[3] Adulte Fliegen ernähren sich opportunistisch von Nektar zur Energiegewinnung, benötigen jedoch Proteine für die Eireifung.[2] In gemäßigten Zonen bringt Calliphora vicina jährlich vier bis fünf Generationen hervor.[4] Die natürliche Mortalität der Jugendstadien ist hoch und wird unter anderem durch Parasitoide wie Alysia manducator beeinflusst. Post-feeding-Larven zeigen eine bemerkenswerte Toleranz gegenüber Wasser und überleben ein dreistündiges Untertauchen zu über 50 %.[2]

Vorkommen und Aktuelle Sichtungen in Deutschland

  • Am Kurpark, Bad Oldesloe, Schleswig-Holstein, Deutschland

    16.01.2026

  • Deutschland

    15.01.2026

  • Deutschland

    15.01.2026

  • Deutschland

    15.01.2026

  • Baden-Württemberg, Deutschland

    15.01.2026

Daten: iNaturalist

Vorkommen & Lebensraum

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet von *Calliphora vicina* umfasst die gesamte Holarktis, wodurch die Art sowohl in der Nearktis als auch in der Paläarktis heimisch ist.[1] Durch menschliche Mobilität und globalen Handel wurde die Spezies jedoch weltweit verschleppt und gilt heute als kosmopolitisch verbreitet. Eingeschleppte Populationen etablierten sich unter anderem in Südamerika, Südafrika sowie in Australien und Neuseeland, wo erste Nachweise bis in das Jahr 1889 zurückreichen.[2] Selbst in isolierten subantarktischen Regionen wie den Kerguelen konnte sich die Fliege erfolgreich ansiedeln, was ihre Anpassungsfähigkeit unterstreicht.[4] In Europa ist *Calliphora vicina* flächendeckend anzutreffen und besiedelt Areale von Skandinavien bis in den Mittelmeerraum.[1] Die Art zeigt eine ausgeprägte Synanthropie und präferiert urbane sowie peri-urbane Lebensräume in unmittelbarer Nähe zum Menschen.[2] In diesen Siedlungsbereichen und Städten erreicht sie aufgrund des konstanten Angebots an organischen Abfällen und Aas oft ihre höchsten Populationsdichten.[1][2] Natürliche Habitate umfassen Wälder, Graslandschaften und Gebirgsregionen, wobei kühle, schattige und feuchte Standorte bevorzugt werden.[1] Die Fliege meidet extreme Hitze und ist thermophob, was sich auch in ihrer Vertikalverbreitung widerspiegelt. In Sizilien wurde die Art bis in Höhenlagen von 1.552 Metern dokumentiert, während in tropischen Gebieten wie Ecuador Vorkommen bis über 3.300 Meter verzeichnet wurden.[2] Klimamodelle prognostizieren, dass steigende Temperaturen eine weitere Verschiebung des Areals in nördliche Breiten begünstigen könnten.[4]

Saisonalität & Aktivität

Calliphora vicina ist an gemäßigte bis kühle Umweltbedingungen angepasst und tritt häufig als dominante Art in den kühleren Monaten des Jahres auf, wobei sie eine niedrigere Flugschwelle als viele andere Schmeißfliegen aufweist.[1] Die Flugaktivität und Nahrungssuche der Adulten beginnen ab einer Temperatur von etwa 13 °C, wobei das Optimum für diese Verhaltensweisen zwischen 13 °C und 16 °C liegt. In gemäßigten Klimazonen ist die Art multivoltin und bildet saisonal etwa vier bis fünf Generationen pro Jahr aus, wobei die Entwicklungsdauer stark temperaturabhängig ist. Die Überwinterung erfolgt primär im Stadium der Drittlarve oder als Puppe, wobei die Tiere in eine Diapause eintreten können, um ungünstige Bedingungen zu überdauern.[2] In milderen Regionen können auch adulte Tiere den Winter überleben, da sie physiologische Anpassungen besitzen, um Temperaturen bis zu -5 °C zu tolerieren. Neuere Studien zeigen zudem, dass Embryonen eine erhöhte Kältetoleranz entwickeln, sobald sie etwa 20 % ihrer Entwicklung abgeschlossen haben.[3] Grundsätzlich ist *Calliphora vicina* tagaktiv (diurnal), jedoch wurde unter bestimmten Bedingungen wie Vollmond oder in warmen Nächten über 20 °C auch nächtliche Eiablage beobachtet.[4] Extreme Hitze wird von der Art gemieden; so endet die Eiablage bei Temperaturen über 35 °C, und in städtischen Wärmeinseln kann die Verpuppung durch Hitzestress vollständig zum Erliegen kommen.[2] Ergänzend zeigt das allgemeine öffentliche Suchinteresse an Schmeißfliegen in Deutschland, abweichend vom biologischen Aktivitätsoptimum dieser kältetoleranten Art, einen saisonalen Höhepunkt in den Hochsommermonaten Juli und August.[5]

Wissenschaftliche Forschung & Patente

WO-2018226119-A1 Biological Unbekannt

Verfahren zur Zerstörung bakterieller Biofilme und zur Verhinderung der Bildung bakterieller Biofilme unter Verwendung eines Komplexes antimikrobieller Peptide von Insekten

Chernysh Sergej Ivanovich (2018)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Die Erfindung nutzt antimikrobielle Peptide, die unter anderem aus Calliphora vicina gewonnen werden, um resistente bakterielle Biofilme auf medizinischen Implantaten oder der Haut zu bekämpfen. In Kombination mit Antibiotika verstärken diese Peptide die Wirkung gegen Krankheitserreger. Das Patent beschreibt somit keine Methode zur Bekämpfung der Fliege selbst, sondern nutzt deren biologische Abwehrmechanismen für die Humanmedizin und Hygiene. Es zeigt das Potenzial der Fliege als Lieferant bioaktiver Substanzen.

DE-69835885-T2 Biological Erteilt

Immunomodulatorische Mittel aus Calliphora vicina Larven, deren Herstellung und Verwendung

Entopharm Company Ltd. (1998)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Dieses Patent beschreibt nicht die Bekämpfung der Schmeißfliege, sondern deren Nutzung als Quelle für pharmazeutische Wirkstoffe. Es wird ein Verfahren vorgestellt, um immunmodulatorische Mittel aus den Larven von Calliphora vicina zu extrahieren. Diese Wirkstoffe sollen therapeutisch genutzt werden, um das Immunsystem zu beeinflussen. Die Innovation liegt in der biochemischen Verwertung der Larvenbiomasse für medizinische Zwecke, was tiefe Einblicke in die Biochemie des Insekts voraussetzt.

Quellen & Referenzen

  1. https://animaldiversity.org/accounts/Calliphora_vicina/
  2. https://www.sciencedirect.com/topics/agricultural-and-biological-sciences/calliphora-vicina
  3. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00085030.2024.2353406
  4. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27721180/
  5. Zeitreihen-Analyse: Suchinteresse (aggregiert)
  6. https://www.eje.cz/pdfs/eje/1995/04/03.pdf