Die wissenschaftliche Bezeichnung *Heteroptera* wurde 1810 von Pierre André Latreille als Unterordnung innerhalb der *Hemiptera* formalisiert, um diese taxonomisch von den damals als Homoptera klassifizierten Gruppen abzugrenzen.[1] Der Name leitet sich aus den griechischen Wörtern *heteros* („verschieden“) und *pteron* („Flügel“) ab und bezieht sich auf die charakteristischen Vorderflügel (Hemielytren), die im Gegensatz zu den einheitlichen Flügeln anderer Schnabelkerfe eine ledrige Basis (Corium) und eine häutige Spitze (Membran) aufweisen.[2][1] Ursprünglich fasste Carl Linnaeus in seiner *Systema Naturae* (1758) alle Schnabelkerfe unter den *Hemiptera* zusammen, ohne die Flügelstruktur als primäres Unterscheidungsmerkmal zu nutzen. Historische Klassifikationssysteme, wie jenes von O.M. Reuter (1910–1912), unterteilten die Gruppe basierend auf der Lebensweise in Serien wie Amphibicorisae (wasserlebend) und Geocorisae (landlebend). Diese Einteilung wurde 1959 von W.E. China und N.C.E. Miller weiter standardisiert, wobei die morphologische Trennung in Hydrocorisae und Geocorisae lange Zeit die Systematik prägte.[1] Die frühere Gegenüberstellung zu den „Homoptera“ (Gleichflüglern) gilt heute als veraltet, da sich jene Gruppe als polyphyletisch erwiesen hat.[1][2] In der modernen Systematik bilden die *Heteroptera* gemeinsam mit den *Coleorrhyncha* (Peloridiidae) das Monophylum Prosorrhyncha, welches oft als Schwestergruppe den *Auchenorrhyncha* gegenübergestellt wird.[1] Im deutschsprachigen Raum wird die Gruppe unter dem Trivialnamen „Wanzen“ geführt.[3] International ist im Englischen der Begriff „true bugs“ gebräuchlich, um sie spezifisch von anderen Insektenordnungen abzugrenzen.[2]
Die Körpergröße adulter Wanzen variiert stark und reicht von winzigen 0,5 mm bei *Anthocoridae* bis zu über 40 mm bei großen Vertretern der *Pentatomidae* oder *Reduviidae*.[1] Der Kopf ist meist hypognath ausgerichtet und trägt einen charakteristischen, vorne entspringenden Rüssel (Rostrum), der stechend-saugende Mundwerkzeuge umschließt. Die Antennen sind typischerweise vier- bis fünfgliedrig, während die Augenpartie aus prominenten Komplexaugen und oft drei Ocellen besteht, die jedoch bei einigen aquatischen Gruppen fehlen können.[2] Ein diagnostisches Hauptmerkmal sind die Vorderflügel (Hemielytren), die in einen ledrigen Basalteil (Corium) und eine häutige Spitze (Membran) unterteilt sind. In der Ruhestellung liegen diese Flügel flach über dem Abdomen und bilden durch ihre Struktur oft ein erkennbares "X"-Muster.[1] Der Thorax zeigt häufig ein erweitertes Pronotum sowie ein prominentes Scutellum, das bei Schildwanzen einen Großteil des Hinterleibs bedecken kann. Die Beine weisen vielfältige Anpassungen auf, wie etwa Raubbeine bei *Reduviidae* oder mit Schwimmhaaren besetzte Ruderbeine bei aquatischen *Nepomorpha*. Das Abdomen ist stark sklerotisiert, besitzt oft sichtbare Seitenränder (Connexiva) und trägt bei Adulten metathorakale Duftdrüsenöffnungen zur chemischen Verteidigung.[2] Ein Sexualdimorphismus zeigt sich häufig in der Größe, wobei Männchen oft kleiner sind oder Stridulationsorgane zur Partnerwerbung besitzen, während Weibchen ein breiteres Abdomen aufweisen.[1] Die Entwicklung verläuft hemimetabol über fünf Nymphenstadien, die den Adulten ähneln, jedoch noch flügellos sind und deren Flügelscheiden sich schrittweise vergrößern. Nymphen verfügen über funktionale dorsale Abdominaldrüsen anstelle der metathorakalen Drüsen der Adulten.[2] Die Eier sind häufig tonnenförmig und besitzen Mikropylenfortsätze für den Gasaustausch, wobei die Ablage einzeln oder in Gelegen auf Substraten erfolgt.[1] Zur Abgrenzung von den *Auchenorrhyncha* (Zikaden) dienen primär der vorne am Kopf ansetzende Rüssel sowie die unterschiedliche Struktur der Vorderflügel, die bei Zikaden meist einheitlich häutig oder ledrig sind.[2]
Die ökologische und ökonomische Relevanz der *Heteroptera* ist ambivalent, da die Gruppe sowohl gravierende Agrarschädlinge als auch essenzielle Nützlinge umfasst. Phytophage Arten wie die Marmorierte Baumwanze (*Halyomorpha halys*) oder die Grüne Reiswanze (*Nezara viridula*) verursachen durch ihre Saugtätigkeit an Samen und Früchten massive Ernteverluste und Qualitätsminderungen, insbesondere bei Soja, Äpfeln und Haselnüssen.[1] Weichwanzen (*Miridae*) schädigen Kulturen zusätzlich durch die Übertragung pflanzenpathogener Viren und Bakterien, während Randwanzen wie *Leptoglossus occidentalis* die Samenproduktion in der Forstwirtschaft beeinträchtigen.[1][3] Aus medizinischer Sicht sind Raubwanzen der Unterfamilie *Triatominae* von größter Bedeutung, da sie den Parasiten *Trypanosoma cruzi* übertragen, welcher die Chagas-Krankheit auslöst. Die Infektion erfolgt dabei nicht direkt durch den Stich, sondern durch die Kontamination von Wunden oder Schleimhäuten mit dem infektiösen Kot der Tiere.[1] Bettwanzen (*Cimex lectularius*) treten weltweit als Lästlinge auf, wobei ihre Rolle als Vektor für Krankheitserreger wie *Borrelia recurrentis* im Vergleich zu anderen Ektoparasiten als gering und ineffizient eingestuft wird.[2][1] Zur Prävention von Vektoren in Risikogebieten hat sich die bauliche Sanierung, etwa durch Insektengitter und die Beseitigung von Versteckmöglichkeiten in Wohnräumen, als hochwirksam erwiesen und kann den Befall um bis zu 90 % reduzieren.[2] Für das Monitoring invasiver Schädlinge werden spezifische Pheromonfallen, wie Pyramidenfallen für *H. halys*, eingesetzt, um Populationsdichten frühzeitig zu detektieren. Im Rahmen des Integrierten Pflanzenschutzes (IPM) werden nützliche Prädatoren wie Blumenwanzen (*Orius* spp.) oder Raubwanzen gezielt zur biologischen Kontrolle von Thripsen und Blattläusen ausgebracht.[3][1] Ergänzend kommen chemische Bekämpfungsmaßnahmen zum Einsatz, wobei moderne Patente spezifische Wirkstoffformulierungen beschreiben, um eine effektive Kontrolle zu gewährleisten.[3] Vielversprechende Ansätze zur langfristigen Regulation invasiver Populationen bietet zudem die Freisetzung spezialisierter Parasitoide wie der Samurai-Wespe (*Trissolcus japonicus*).[1]