Die Art *Forficula auricularia* wurde im Jahr 1758 von Carl von Linné in der zehnten Auflage seines Werkes *Systema Naturae* wissenschaftlich erstbeschrieben.[1][2] Sie fungiert als Typusart der Gattung *Forficula*, eine taxonomische Festlegung, die 1810 durch Pierre André Latreille formalisiert wurde.[1] Im deutschsprachigen Raum ist die Spezies primär als Gemeiner Ohrwurm oder umgangssprachlich als Ohrenkneifer bekannt.[1][2] Der Name „Ohrwurm“ sowie das englische Äquivalent „Earwig“ (von Altenglisch für „Ohr-Beweger“ oder „Ohr-Stecher“) basieren auf einem seit dem 17. Jahrhundert dokumentierten Aberglauben, wonach die Insekten in menschliche Ohren kriechen würden, um dort Eier zu legen.[1] Taxonomisch gehört die Art zur Familie Forficulidae, welche die eigentlichen Ohrwürmer mit ihren charakteristischen, zur Verteidigung genutzten zangenartigen Cerci umfasst.[1][2] Während die klassische Nomenklatur lange Zeit stabil blieb, definieren neuere phylogenetische Studien *Forficula auricularia* heute als einen kryptischen Artkomplex (*Forficula* supersp. *auricularia*).[3] Dieser Komplex umfasst mehrere genetisch distinkte, aber morphologisch kaum unterscheidbare Geschwisterarten, darunter *F. auricularia* sensu stricto (Klade A), *F. dentata* (Klade B) und *F. mediterranea* (Klade E). Die evolutionäre Diversifizierung dieser Linien begann bereits im Miozän vor etwa 9,9 Millionen Jahren und wurde durch klimatische Veränderungen im Pleistozän weiter vorangetrieben. Aktuelle Revisionen aus dem Jahr 2025 nutzen kombinierte morphologische und molekulare Analysen, um diese kryptische Diversität und endemische Taxa innerhalb des Komplexes präziser abzugrenzen.[3]
Adulte Tiere von *Forficula auricularia* erreichen eine Körperlänge von 12–15 mm (ohne Cerci) und weisen einen gestreckten, rötlich-braunen Körper auf, der auf der Unterseite heller gefärbt ist. Der Kopf trägt beißend-kauende Mundwerkzeuge, kleine Facettenaugen und hellgelbe Antennen, die aus 14 bis 15 Gliedern bestehen. Das Halsschild (Pronotum) ist schildförmig ausgebildet und bedeckt den Thorax, was zum abgeflachten Erscheinungsbild beiträgt. Obwohl die Art oft flügellos wirkt, besitzt sie kurze, ledrige Vorderflügel, unter denen die häutigen, fächerartig gefalteten Hinterflügel verborgen liegen. Die Beine sind wie die Antennen blass gelblich-braun gefärbt und kontrastieren mit dem dunkleren Körper. Am Ende des Abdomens befindet sich das auffälligste Merkmal in Form einer zangenförmigen Zercus-Zange, die einen deutlichen Sexualdimorphismus zeigt. Bei den Männchen sind diese Zangen 5 bis 9,5 mm lang und stark gebogen, während sie bei den Weibchen kürzer und nahezu gerade geformt sind. Die Entwicklung verläuft hemimetabol ohne Puppenstadium über vier Larvenstadien. Nymphen ähneln den Adulten, sind jedoch mit 4–11 mm kleiner, zunächst graubraun gefärbt und besitzen erst im letzten Stadium Flügelanlagen. Die Anzahl der Antennensegmente nimmt während der Ontogenese von 8 auf 12 zu, und die Cerci verlängern sich mit jeder Häutung. Die Eiablage erfolgt in Form von Gelegen aus 30 bis 80 cremeweißen, ovalen Eiern, die in selbstgegrabenen Erdhöhlen platziert werden.[1] Morphologisch lässt sich die Gattung *Forficula* durch die einfachen Cerci abgrenzen, wobei *Forficula auricularia* als kryptischer Artkomplex mit genetisch verschiedenen, aber äußerlich kaum unterscheidbaren Zwillingsarten gilt.[3]
Der Gemeine Ohrwurm (*Forficula auricularia*) zeichnet sich durch einen langgestreckten, abgeflachten Körper mit einer rötlich-braunen Färbung aus, der eine Länge von 12 bis 15 mm (ohne Cerci) erreicht. Obwohl das Insekt auf den ersten Blick flügellos wirkt, besitzt es kurze, lederartige Vorderflügel (Tegmina) und darunter fächerartig gefaltete, häutige Hinterflügel, die jedoch nur selten für den schwachen Flug genutzt werden.[1] Der Kopf trägt hellgelbe Antennen, die aus 14 bis 15 Segmenten bestehen und reich mit Sinneszellen für die chemische Wahrnehmung ausgestattet sind.[1][2] Ein markantes anatomisches Merkmal ist der ausgeprägte Sexualdimorphismus der zangenartigen Cerci am Hinterleibsende: Während Männchen stark gebogene, bis zu 9,5 mm lange Zangen besitzen, sind diese bei Weibchen kürzer und nahezu gerade.[1] Diese Anhänge dienen nicht nur der Verteidigung, sondern spielen bei Männchen eine funktionale Rolle während der Balz zur taktilen Stimulation und Positionierung des Weibchens.[3] Im Inneren verfügt die Art über ein offenes Kreislaufsystem mit einem dorsalen Herzgefäß sowie ein Verdauungssystem mit einem pH-Gradienten im Mitteldarm, der die enzymatische Aufspaltung vielfältiger organischer Substanzen ermöglicht.[2] Die Entwicklung verläuft hemimetabol über vier Nymphenstadien, wobei die Larven den Adulttieren ähneln, jedoch kleiner sind (4–11 mm) und zunächst eine gräulich-braune Färbung aufweisen, die sich später verdunkelt. Nymphen besitzen anfangs weniger Antennensegmente (8–12) und entwickeln erst im letzten Stadium Flügelanlagen, während die Cerci bereits ab dem ersten Stadium vorhanden sind und mit jeder Häutung wachsen.[1] Im natürlichen Lebensraum zeigt *Forficula auricularia* ein starkes thigmotaktisches Verhalten und sucht tagsüber Schutz in engen Spalten, unter Rinde oder in Bodenhöhlen, oft in Aggregationen. Neuere genetische Untersuchungen klassifizieren *Forficula auricularia* als kryptischen Artenkomplex, der aus mehreren morphologisch sehr ähnlichen, aber genetisch getrennten Linien besteht, die sich im Miozän auseinanderentwickelten.[3] Historisch wurde die Art bereits 1758 von Carl von Linné in der 10. Auflage der *Systema Naturae* beschrieben und dient als Typusart der Gattung *Forficula*.[3]
Die Art *Forficula auricularia* ist primär nachtaktiv und bewegt sich meist laufend fort, da die Flugfähigkeit trotz vorhandener Flügel stark eingeschränkt ist.[1] Ein zentrales Verhaltenselement ist die positive Thigmotaxis, also die Vorliebe für physischen Kontakt mit Oberflächen, weshalb die Tiere tagsüber enge, dunkle Spalten und Hohlräume aufsuchen. In diesen Verstecken bilden sie oft große Aggregationen, die durch Pheromone im Kot (Frass) gesteuert werden und sowohl verwandte als auch unverwandte Artgenossen anziehen.[2] Chemische Analysen identifizierten Kohlenwasserstoffe in diesen Ausscheidungen als Signalstoffe, die das Gruppenverhalten unabhängig von familiären Bindungen fördern.[2][3] Bei Bedrohung setzen die Tiere ihre charakteristischen Zangen (Cerci) am Hinterleibsende ein, um Angreifer zu kneifen oder festzuhalten. Männchen verfügen über längere, stärker gebogene Cerci und zeigen ein aggressiveres Abwehrverhalten als Weibchen, deren geradere Zangen primär dem Schutz der Brut dienen. Ergänzend nutzen sie chemische Abwehrsekrete aus Drüsen am vierten Abdominalsegment, die übelriechende Benzochinone enthalten.[2] Diese Sekrete werden durch eine gezielte Rotation des Abdomens als feiner Sprühnebel gegen Räuber eingesetzt und besitzen zudem antimikrobielle Eigenschaften gegen Bakterien und Pilze.[2][6] Eine Besonderheit ist das subsoziale Verhalten der Weibchen, die ihre Eier intensiv pflegen, um Pilzbefall zu verhindern, und die geschlüpften Nymphen im ersten Stadium durch Regurgitation füttern. Nymphen erkennen Verwandte anhand chemischer Signale auf der Kutikula und vermeiden Kannibalismus gegenüber Geschwistern, was die Überlebenschancen innerhalb der Familiengruppe erhöht.[2]
Ökologisch ist *Forficula auricularia* als omnivore und nachtaktive Art charakterisiert, die feuchte Mikrohabitate wie Rindenspalten, Laubstreu oder Bodenhöhlen bevorzugt, um Austrocknung zu vermeiden.[1][2] Die Entwicklung verläuft optimal bei Temperaturen zwischen 15 °C und 25 °C, während Hitze über 28 °C die Überlebensrate drastisch senkt und die Fortpflanzung verhindert. Das Nahrungsspektrum umfasst weiches Pflanzengewebe wie Pollen und Früchte, totes organisches Material sowie kleine Wirbellose, darunter Blattläuse und Schildläuse.[2] In Agrarökosystemen fungiert die Art als bedeutender Prädator von Schädlingen wie der Blutlaus (*Eriosoma lanigerum*) oder den Eiern des Apfelwicklers (*Cydia pomonella*), was sie zu einem Nützling im Kernobstanbau macht. Gleichzeitig kann *Forficula auricularia* an Steinobst, Erdbeeren und jungen Zitruspflanzen durch Fraßschäden als landwirtschaftlicher Schädling auftreten.[3] Zu den natürlichen Fressfeinden zählen Vögel wie der Hauszaunkönig (*Troglodytes aedon*), Amphibien sowie Laufkäfer wie *Pterostichus vulgaris*.[6] Der Bestand wird zudem durch Parasitoide reguliert, insbesondere durch Raupenfliegen wie *Triarthria setipennis* und *Ocytata pallipes* sowie durch den Nematoden *Mermis nigrescens*.[1][6] Durch den Verzehr von Pilzen und Detritus in ihren Erdhöhlen trägt die Art zur Zersetzung organischer Substanz bei und fördert potenziell die Sporenverbreitung in einer mutualistischen Beziehung.[1] Ein wesentliches ökologisches Merkmal ist das durch Pheromone im Kot gesteuerte Aggregationsverhalten, das den Tieren Schutz vor Austrocknung und Prädatoren bietet.[2]
Forficula auricularia nimmt eine ökologische Doppelrolle ein, da die Art je nach Kultursystem als bedeutender Nützling oder ökonomisch relevanter Schädling auftritt. In Kernobstplantagen wird der Ohrenkneifer im Integrierten Pflanzenschutz (IPM) geschätzt, da er effizient Blutläuse (*Eriosoma lanigerum*), Schildläuse sowie Eier des Apfelwicklers vertilgt und so den Einsatz chemischer Mittel reduziert. Das Schadpotenzial ist hingegen im Steinobst- und Beerenanbau hoch, wo die Tiere weiche Gewebe anraspeln und durch Fraß an reifenden Pfirsichen, Aprikosen oder Erdbeeren die Früchte unverkäuflich machen.[2][3] Jüngste Studien aus Kalifornien belegen zudem Schäden an jungen Zitrusfrüchten, was die Notwendigkeit eines kulturspezifischen Managements unterstreicht.[3] Medizinisch ist *F. auricularia* irrelevant; der weitverbreitete Mythos, die Tiere würden in menschliche Ohren kriechen und dort Eier ablegen, ist wissenschaftlich widerlegt und unbegründet.[1] Zur Befallsüberwachung eignen sich Wellpappefallen oder ölbasierte Monitore, wobei Wellpappe aufgrund der thigmotaktischen Vorlieben der Tiere oft höhere Fangraten erzielt.[3] Präventive Maßnahmen zielen auf die Beseitigung feuchter Verstecke ab, indem Mulchschichten, Laub und Holzstapel in direkter Gebäudenähe entfernt werden, um die Attraktivität des Habitats zu senken.[1] Bei Überschreitung der Schadschwelle kommen selektive Insektizide wie Spinosad zum Einsatz, die als Köder oder Blattspritzung appliziert werden und deren Wirksamkeit gegen Bodeninsekten auch patentrechtlich dokumentiert ist.[3][1] Biologische Bekämpfungsansätze nutzen natürliche Feinde wie die parasitoiden Raupenfliegen *Triarthria setipennis* oder *Ocytata pallipes*, welche die Larven und Adulten parasitieren.[3] Zukunftsweisende Strategien fördern *F. auricularia* gezielt zur Kontrolle der invasiven Kirschessigfliege (*Drosophila suzukii*), was die Bedeutung einer abwägenden Entscheidung im Pflanzenschutz verdeutlicht.[2]
Die wirtschaftliche Bedeutung von *Forficula auricularia* ist ambivalent, da die Art je nach Kultur und Region sowohl als Schädling als auch als Nützling auftritt. In Steinobstplantagen wie Kirschen, Pfirsichen und Aprikosen fressen die Tiere an reifenden Früchten, was zu kosmetischen und strukturellen Schäden sowie verminderter Vermarktbarkeit führt.[2][3] In Neuseeland beispielsweise können diese Schäden Pfirsiche und Nektarinen unverkäuflich machen, was in invasiven Verbreitungsgebieten zu nennenswerten wirtschaftlichen Verlusten führt.[2] Weitere Schäden entstehen an Erdbeeren, Sämlingen und Zitrusfrüchten durch das Abschaben weicher Gewebe, wobei neuere Beobachtungen in Kalifornien spezifische Probleme an jungen Zitrusbäumen belegen. Im Gegensatz dazu sind die direkten Schäden im Kernobstbau (Äpfel, Birnen) oft minimal, sodass der Ohrwurm hier als Nützling in integrierten Pflanzenschutzsystemen (IPM) fungiert.[3] Als Prädator reguliert *F. auricularia* Populationen bedeutender Schädlinge wie der Blutlaus (*Eriosoma lanigerum*) und frisst Eier des Apfelwicklers (*Cydia pomonella*). Studien belegen, dass die Freisetzung von Ohrwürmern in Apfelplantagen die Koloniegrößen von Blutläusen über mehrere Jahre hinweg kumulativ unterdrücken kann, was den Bedarf an chemischen Mitteln reduziert. Zudem jagt die Art die Kirschessigfliege (*Drosophila suzukii*), einen globalen Schädling, der Ertragsverluste bei Weichfrüchten verursacht.[3] Zur Bestandsregulierung in gefährdeten Kulturen werden Insektizide wie Spinosad eingesetzt, deren Wirksamkeit gegen Bodeninsekten wie *F. auricularia* patentrechtlich beschrieben ist.[1] Während invasive Populationen in Nordamerika und Australasien oft hohe Dichten erreichen und bekämpft werden müssen, werden die ökosystemaren Dienstleistungen der Art in gemäßigten Agrarsystemen zunehmend geschätzt.[2][3]