Das Große Mausohr wird wissenschaftlich unter dem Binomen *Myotis myotis* (Borkhausen, 1797) geführt. Die Erstbeschreibung erfolgte durch den deutschen Naturforscher Moritz Balthasar Borkhausen im Jahr 1797 unter dem Basionym *Vespertilio myotis*, basierend auf Exemplaren aus Deutschland. Systematisch ordnet sich die Art in die Familie der Glattnasen (Vespertilionidae) ein und repräsentiert einen der größten Vertreter der Gattung *Myotis*. Innerhalb dieser Gattung wird *Myotis myotis* sowohl morphologisch als auch genetisch klar vom nahe verwandten Kleinen Mausohr (*Myotis blythii*) sowie von der auf der Iberischen Halbinsel verbreiteten Art *Myotis escalerai* abgegrenzt. Trotz dieser Artunterscheidung belegen mitochondriale DNA-Analysen, dass es in sympatrischen Zonen zu Hybridisierungen und genetischer Introgression mit *Myotis blythii* kommt.[1] Stammesgeschichtlich deuten Modelle der molekularen Uhr darauf hin, dass die Radiation der paläarktischen *Myotis*-Gruppe im mittleren Miozän vor etwa 13 Millionen Jahren einsetzte. Fossile Belege für die Linie in Europa reichen bis in das Oligozän zurück, wobei im Pliozän bereits Formen dominierten, die der heutigen Art in Größe und Skelettmerkmalen stark ähnelten.[3] Der deutsche Trivialname "Mausohr" sowie die englische Bezeichnung "Greater mouse-eared bat" referenzieren die auffällig großen, breiten Ohren, die über die Schnauze hinausragen.[1][4] Taxonomisch gilt die Spezies als stabil definiert, ist jedoch Teil eines komplexen evolutionären Netzwerks innerhalb der weltweit über 140 Arten umfassenden Gattung.[1][3]
Das Große Mausohr (*Myotis myotis*) ist eine der größten Fledermausarten Europas und zeichnet sich durch einen robusten Körperbau aus.[1] Adulte Tiere erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 65 bis 85 mm, eine Unterarmlänge von 57 bis 70 mm sowie eine Flügelspannweite von 350 bis 450 mm. Das Körpergewicht variiert saisonal und liegt typischerweise zwischen 18 und 45 g.[2] Das dichte, weiche Rückenfell ist sandbraun bis rotbraun gefärbt, während die Unterseite deutlich heller in einem schmutzigen Weiß, Beige oder Hellgrau erscheint.[1] Charakteristisch sind die breite, rosafarbene Schnauze und die auffällig langen, abgerundeten Ohren, die nach vorne gelegt die Schnauzenspitze überragen.[1][2] Die Ohren erreichen eine Länge von bis zu 30 mm und weisen etwa 7 bis 8 querverlaufende Falten auf. Der Tragus (Ohrdeckel) ist markant, nimmt etwa die Hälfte der Ohrlänge ein und endet oft in einer dunklen Spitze. Die breiten Flughäute sind unbehaart und weisen eine einheitliche bräunliche Färbung auf. Das Gebiss umfasst 38 Zähne gemäß der Zahnformel I 2/3, C 1/1, P 3/3, M 3/3, wobei die robusten Molaren speziell an das Zerbeißen hartschaliger Käfer angepasst sind.[2] Ein ausgeprägter Sexualdimorphismus zeigt sich in der Körpergröße, wobei Weibchen in Bezug auf Maße und Masse typischerweise 10 bis 20 % größer sind als Männchen. Neugeborene sind bei der Geburt nackt, blind und wiegen etwa 6 g, was rund 25 % des mütterlichen Gewichts entspricht. Ihre Unterarmlänge beträgt initial etwa 23,7 mm, wächst jedoch rasch, bis sie nach etwa 29 Tagen Erwachsenengröße erreicht.[1] Von der sehr ähnlichen Schwesterart, dem Kleinen Mausohr (*Myotis blythii*), unterscheidet sich *Myotis myotis* primär durch Schädelmerkmale wie die Form des Rostrums sowie durch genetische Differenzen.[3] Auch gegenüber *Myotis escalerai* erfolgt die Abgrenzung sicher über kraniale Morphologie und DNA-Analysen.[1]
Das Mausohr (*Myotis myotis*) ist eine der größten Fledermausarten Europas und nimmt als spezialisierter Bodenjäger („Gleaner“) eine besondere ökologische Nische ein.[1][2] Im Gegensatz zu reinen Luftjägern verlässt sich diese Art primär auf das passive Hören von Beutegeräuschen, wofür sie eine vergrößerte auditive Hirnrinde und extrem sensible, bis zu 30 mm lange Ohren entwickelt hat.[2][5] Anatomisch ist der robuste Körperbau mit einer Flügelspannweite von 350 bis 450 mm auffällig, der es den Tieren ermöglicht, auch größere Beutetiere wie Laufkäfer oder Maulwurfsgrillen zu bewältigen.[2][1] Das Gebiss mit 38 Zähnen verfügt über kräftige Molaren, die speziell für das Aufbrechen harter Chitinpanzer terrestrischer Arthropoden evolviert sind.[3][2] Ein deutlicher Sexualdimorphismus prägt die Physis, wobei Weibchen etwa 10 bis 20 % schwerer und größer als Männchen sind, um die energetischen Kosten der Reproduktion zu decken.[1] Die Entwicklung der Jungtiere verläuft rasant: Sie werden blind, nackt und mit einem Geburtsgewicht von rund 6 g geboren, was bereits 25 % der mütterlichen Masse entspricht. In den ersten zwei Wochen sind die Welpen vollständig von der Mutter abhängig, bevor sie im Alter von drei bis fünf Wochen flügge werden und kurz darauf die Selbstständigkeit erreichen.[3][1] Das Wachstum des Unterarms verläuft bis zum 29. Tag linear, bis nahezu die Erwachsenengröße erreicht ist.[1] Während der Jungenaufzucht bilden die Weibchen große Wochenstuben in warmen Dachböden oder Höhlen, während Männchen oft solitär leben.[1][2] Im Feld ist die Art durch ihren langsamen, direkten Flug in geringer Höhe von 0,5 bis 2 Metern erkennbar, wobei sie oft offene Buchenwälder oder frisch gemähte Wiesen absucht. Die Unterscheidung zum sehr ähnlichen Kleinen Mausohr (*Myotis blythii*) ist äußerlich schwierig und erfordert oft genetische Analysen oder detaillierte Schädelvermessungen, da beide Arten in Sympatriezonen hybridisieren können.[3][1] Historisch wurde die Art 1797 von Moritz Balthasar Borkhausen beschrieben, wobei fossile Belege darauf hindeuten, dass sich die Linie bereits im mittleren Miozän vor etwa 13 Millionen Jahren diversifizierte.[1] Mit einer nachgewiesenen Lebensdauer von über 37 Jahren besitzt *Myotis myotis* eine außergewöhnliche Langlebigkeit, die durch effiziente physiologische Mechanismen und einen niedrigen Grundumsatz unterstützt wird.[2][1]
Als spezialisierter Gleaner jagt *Myotis myotis* vorwiegend bodenlebende Arthropoden, indem sie in einem langsamen, direkten Suchflug in Höhen von 0,5 bis 2 Metern über dem Substrat patrouilliert. Eine zentrale Anpassung ist dabei das passive Hören, mit dem die Fledermaus Raschelgeräusche von Beutetieren wie Laufkäfern wahrnimmt, statt sich primär auf die Ortung durch Ultraschall zu verlassen.[2][1] Um sensible Beute nicht zu warnen, reduziert sie bei der Annäherung ihre Echolokation oft auf einen flüsternden Modus mit geringer Intensität.[2] Das Sozialverhalten ist durch die Bildung großer Wochenstubenkolonien geprägt, in denen sich die Tiere eng aneinanderdrängen, um durch soziale Thermoregulation Energie zu sparen.[1] Während der Paarungszeit im Herbst zeigen Männchen an Schwärmquartieren ein territoriales Verhalten und verteidigen kleine Balzplätze aggressiv gegen Konkurrenten. Zur Kommunikation und Partneranwerbung setzen Männchen neben komplexen Lautäußerungen auch chemische Signale ein, indem sie gelbliche Gesichtspheromone sezernieren. Die Kopulation selbst zeichnet sich durch ein langes Umschlingen des Weibchens mit den Flügeln aus, was teilweise mehrere Stunden andauern kann.[3] In den Quartieren interagiert *Myotis myotis* häufig mit anderen Arten wie der Langfußfledermaus (*Myotis capaccinii*) oder Hufeisennasen, wobei sie aufgrund ihrer Körpergröße oft die optimalen Hangplätze dominiert. Für die Orientierung bei Wanderungen nutzen die Tiere einen Magnetkompass, der bei Sonnenuntergang anhand von Polarisationsmustern des Himmels kalibriert wird.[1]
Das Große Mausohr (*Myotis myotis*) besetzt eine ökologische Nische als spezialisierter „Gleaner“ (Absammler), der seine Beute primär durch passives Hören ortet und vom Boden oder der Vegetation aufnimmt, statt sie im Flug zu jagen.[2][1] Das Nahrungsspektrum besteht zu über 80 % aus bodenlebenden Arthropoden, wobei Laufkäfer (Carabidae), Maulwurfsgrillen und Spinnen dominieren.[1] Gelegentlich nutzt die Art opportunistisch auch kleine Wirbeltiere wie nistende Vögel als Nahrungsquelle, was jedoch nur einen geringen Teil der Diät ausmacht.[7] Für die Jagd bevorzugt *Myotis myotis* laubwaldreiche Habitate, Waldränder sowie offene Weiden und Wiesen mit kurzer Vegetation, die den Zugriff auf Bodeninsekten erleichtern.[8][6] Dichte Nadelwälder oder mehrschichtige Bestände mit starkem Unterwuchs werden gemieden, während hallenartige Buchenwälder mit geschlossenem Kronendach (>20 %) präferiert werden.[1] Im Sommer bilden die Tiere Wochenstuben in warmen Dachböden oder Höhlen, die ein Mikroklima von 30–34 °C für die Aufzucht der Jungtiere bieten.[1][2] Die Überwinterung erfolgt hingegen in unterirdischen Quartieren wie Höhlen und Stollen bei stabilen Temperaturen zwischen 5 °C und 12 °C sowie hoher Luftfeuchtigkeit.[1] In diesen Quartieren vergesellschaftet sich das Mausohr oft mit anderen Arten wie der Langfußfledermaus (*Myotis capaccinii*) oder Hufeisennasen, dominiert jedoch aufgrund seiner Körpergröße meist die größeren Hangplätze.[2] In sympatrischen Verbreitungsgebieten kommt es zudem gelegentlich zu Hybridisierungen mit dem Kleinen Mausohr (*Myotis blythii*), was auf eine unvollständige reproduktive Isolation hinweist.[1] Durch den Verzehr großer Mengen an Insekten, wobei ein Individuum pro Nacht bis zu 20 g Biomasse aufnehmen kann, übt die Art einen signifikanten Druck auf Populationen wirbelloser Bodentiere aus.[7]
Das Große Mausohr (*Myotis myotis*) ist als reiner Insektenfresser ein bedeutender Nützling, der sich vorwiegend von bodenlebenden Arthropoden wie Laufkäfern, Maulwurfsgrillen und Schmetterlingsraupen ernährt.[1] Mit einer täglichen Nahrungsaufnahme von bis zu 50 % des eigenen Körpergewichts tragen die Tiere zur Regulation von Insektenpopulationen in Land- und Forstwirtschaft bei.[2] Da Wochenstuben häufig in anthropogenen Strukturen wie Dachböden, Kirchen oder Brücken angelegt werden, entstehen gelegentlich Konflikte bei geplanten Gebäudesanierungen. Strukturelle Schäden an der Bausubstanz verursacht die Art nicht, jedoch können große Kolonien mit bis zu 8.000 Tieren durch Kotansammlungen Reinigungsbedarf erzeugen.[1] Rechtlich ist *Myotis myotis* nach Anhang II und IV der FFH-Richtlinie streng geschützt, was jegliche Tötung, Störung oder Zerstörung der Ruhestätten verbietet.[2] Bauliche Maßnahmen an Quartieren erfordern daher zwingend behördliche Genehmigungen und begleitende Schutzkonzepte.[1] Zur Prävention von Quartierverlusten werden künstliche Ersatzquartiere wie Fledermauskästen oder speziell hergerichtete Überwinterungsstätten geschaffen.[5] Das Bestandsmonitoring erfolgt durch standardisierte Zählungen in den Kolonien sowie die akustische Erfassung der Echoortungsrufe. Eine direkte Bekämpfung der Tiere ist illegal; stattdessen zielen Managementpläne auf den Erhalt der Lebensräume ab.[1] Im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes (IPM) wird eine Reduktion von Pestiziden angestrebt, um indirekte Vergiftungen zu vermeiden und die Nahrungsgrundlage der Fledermäuse zu sichern.[9] Internationale Abkommen wie EUROBATS koordinieren diese Schutzmaßnahmen grenzüberschreitend.[1]
Das Mausohr (*Myotis myotis*) fungiert als bedeutender Nützling in der Land- und Forstwirtschaft, da es sich auf bodenlebende Arthropoden spezialisiert hat.[1] Zum Beutespektrum gehören landwirtschaftlich relevante Schädlinge wie Maulwurfsgrillen (*Gryllotalpidae*), die lokal 10 bis 43 % der Nahrung ausmachen können, sowie Schmetterlingsraupen (ca. 19 %).[1][2] Da die Art bevorzugt in offenen Weidelandschaften, Wiesen und intensiv bewirtschafteten Obstgärten jagt, trägt sie zur natürlichen Regulation von Schadinsekten in diesen Kulturen bei.[6][8] Ein einzelnes Tier vertilgt nächtlich bis zu 50 % seines eigenen Körpergewichts an Insekten (ca. 10–20 g), was über die Sommermonate einer erheblichen Reduktion der Schädlingsbiomasse entspricht.[1] Durch das Absammeln von Beute vom Boden („Gleaning“) werden auch Schädlinge erfasst, die für rein flugjagende Fledermausarten unzugänglich sind.[2] Internationale Schutzabkommen wie EUROBATS fördern daher den integrierten Pflanzenschutz, um die Bestände dieser Fledermäuse als natürliche Schädlingsbekämpfer zu erhalten und den Pestizideinsatz zu minimieren.[9]