Die Ordnung *Rodentia* (Nagetiere) bildet mit etwa 2.500 Arten und rund 40 % aller bekannten Säugetierspezies die größte Gruppe innerhalb der Klasse Mammalia.[1][2] Der deutsche Trivialname „Nagetiere“ verweist auf das definierende morphologische Merkmal: ein spezialisiertes Gebiss mit einem Paar ständig nachwachsender, wurzelloser Schneidezähne in jedem Kiefer, die zum Nagen harter Materialien angepasst sind. Taxonomisch wird die Gruppe basierend auf der Kiefermuskulatur und molekularen Phylogenien in fünf Unterordnungen unterteilt: Sciuromorpha, Myomorpha, Hystricomorpha, Anomaluromorpha und Castorimorpha. Neuere phylogenomische Untersuchungen bestätigen die Monophylie der Ordnung und stellen die Sciuromorpha als Schwestergruppe der Ctenohystrica (Hystricomorpha und Ctenodactylidae) dar. Die evolutionären Ursprünge der *Rodentia* reichen bis in das späte Paläozän vor etwa 60 bis 56 Millionen Jahren zurück, wobei *Paramys atavus* in Nordamerika als einer der ältesten fossilen Belege gilt. Zeitgleiche Funde von *Tribosphenomys minutus* in Asien stützen Hypothesen über einen Ursprung in der Alten Welt und zeigen frühe Anpassungen des Nagegebisses. Eine wesentliche Diversifizierung erfolgte während des Oligozäns und Miozäns, als klimatische Veränderungen und die Ausbreitung von Grasländern die Besetzung neuer ökologischer Nischen begünstigten. Die wissenschaftliche Nomenklatur folgt dem International Code of Zoological Nomenclature, wobei die Gruppe international im Englischen als „Rodents“ bekannt ist.[1] Innerhalb der Systematik werden sie den Chordata (Chordatiere) und dem Reich Animalia (Tiere) zugeordnet.[2]
Nagetiere zeichnen sich durch einen kompakten, zylindrischen Körperbau aus, der typischerweise kurze Gliedmaßen im Verhältnis zur Körpergröße aufweist.[1] Die Körpermasse variiert innerhalb der Ordnung extrem und reicht von der winzigen *Salpingotulus michaelis* mit etwa 3 Gramm bis zum *Hydrochoerus hydrochaeris* (Capybara), das über 70 Kilogramm wiegen kann. Das definierende Merkmal ist das spezialisierte Gebiss mit einem einzigen Paar wurzelloser, dauerwachsender Schneidezähne (Inzisiven) in jedem Kiefer. Diese Zähne besitzen nur an der Vorderseite Zahnschmelz, wodurch beim Nagen durch den Abrieb des weicheren Dentins auf der Rückseite eine selbstschärfende, meißelartige Kante entsteht.[2] Zwischen den Schneidezähnen und den Molaren befindet sich eine charakteristische Zahnlücke, das Diastema, während Eckzähne vollständig fehlen. Der Kopf trägt prominente Vibrissen (Schnurrhaare), die als Tastsinnorgane für die Orientierung in dunklen Umgebungen dienen.[1] Die Augen sind oft an dämmerungs- oder nachtaktive Lebensweisen angepasst, wobei die Sehschärfe im Vergleich zum Geruchssinn meist geringer ausgeprägt ist. Das Integument besteht in der Regel aus groben Grannenhaaren über einer dichten Unterwolle, kann jedoch bei Stachelschweinen (*Erethizon* spp.) zu scharfen Stacheln modifiziert sein.[1] Die Gliedmaßen zeigen starke Anpassungen an den Lebensraum: Grabende Arten wie Taschenratten besitzen vergrößerte Vorderbeine mit robusten Krallen.[2] Baumbewohnende Hörnchen verfügen über flexible Gelenke und reversible Hinterfüße, während Gleithörnchen Flughäute (Patagia) zwischen den Extremitäten ausgebildet haben.[2][1] Aquatische Vertreter wie Biber weisen Schwimmhäute an den Hinterfüßen sowie ein für die Wasserabdichtung geöltes Fell auf.[1] Der Schwanz dient oft der Balance und Thermoregulation, wobei nackte Schwänze wie bei Ratten durch spezialisierte Blutgefäßsysteme Wärme abgeben können.[5] Hinsichtlich der Entwicklung der Jungtiere lassen sich zwei Grundtypen unterscheiden: Altriciale Nachkommen (z. B. bei Mäusen) werden nackt und blind geboren. Im Gegensatz dazu kommen precociale Jungtiere, wie bei Meerschweinchen, bereits weit entwickelt mit Fell und offenen Augen zur Welt.[2] Zur Abgrenzung von ähnlichen Taxa dient primär die einzigartige Gebissstruktur, die sie von Insektenfressern und Hasenartigen unterscheidet.[1]
Die Ordnung *Rodentia* stellt mit etwa 40 % aller bekannten Säugetierarten die artenreichste Gruppe dieser Klasse dar und zeichnet sich primär durch ein hochspezialisiertes Gebiss aus, das ein einzelnes Paar kontinuierlich wachsender Schneidezähne in jedem Kiefer aufweist.[1][2] Diese wurzellosen Inzisiven besitzen nur an der Vorderseite Zahnschmelz, wodurch sie sich durch den Abrieb am weicheren Dentin der Rückseite selbst schärfen und eine dauerhaft meißelartige Form behalten.[2] Ein charakteristisches anatomisches Merkmal ist das Diastema, eine signifikante Zahnlücke zwischen den Schneide- und Backenzähnen, die es ermöglicht, die Lippen beim Nagen hinter den Inzisiven zu schließen, um die Mundhöhle vor eindringenden Partikeln zu schützen. Der typische Körperbau ist kompakt und zylindrisch mit im Verhältnis zur Körpergröße kurzen Gliedmaßen, wobei der Schwanz oft als Balanceorgan dient und bei vielen Arten mehr als die Hälfte der Kopf-Rumpf-Länge misst.[1] Die Größenvarianz innerhalb der Ordnung ist enorm und reicht von der nur etwa 3 Gramm wiegenden *Salpingotulus michaelis* bis zum über 70 Kilogramm schweren *Hydrochoerus hydrochaeris*.[2] Physiologisch zeigen viele Arten Anpassungen an schwer verdauliche Pflanzennahrung, indem sie Koprophagie betreiben und vitaminreiche Blinddarmkot-Pellets (Caecotrophe) erneut aufnehmen, um die Nährstoffeffizienz zu maximieren.[5] Der Stoffwechsel variiert stark; während kleine Arten oft eine hohe metabolische Rate aufweisen, nutzen andere Strategien wie Torpor oder Winterschlaf zur Energieeinsparung. Die sensorische Wahrnehmung ist häufig auf ein nachtaktives Leben ausgerichtet, wobei der Sehsinn meist schwach entwickelt ist, während der Geruchssinn über das Vomeronasalorgan und das Gehör, das oft bis in den Ultraschallbereich reicht, hochspezialisiert sind.[1] In der Fortpflanzungsbiologie lassen sich zwei fundamentale Entwicklungsstrategien unterscheiden: Myomorphe Arten wie Ratten gebären meist nesthockende (altriciale) Jungtiere, die nackt, blind und hilflos zur Welt kommen. Im Gegensatz dazu bringen Hystricomorphe wie Meerschweinchen weit entwickelte, nestflüchtende (precociale) Junge zur Welt, die bereits behaart sind, sehen können und kurz nach der Geburt mobil sind.[2] Evolutionär lassen sich die ältesten Fossilien, wie *Paramys atavus*, bis in das späte Paläozän vor etwa 60 bis 56 Millionen Jahren zurückverfolgen. Eine massive Radiation erfolgte im Miozän, als die Ausbreitung von Graslandschaften neue ökologische Nischen für kleine Herbivoren schuf.[1] Besondere physiologische Resilienzen zeigt der Nacktmull (*Heterocephalus glaber*), der eine extreme Langlebigkeit und Krebsresistenz aufweist, die unter anderem durch Hyaluronsäure-Akkumulation bedingt ist.[2] Jüngste Forschungen entdeckten zudem bei Mäusen zelluläre Reparaturmechanismen, bei denen beschädigte Organellen ausgestoßen werden, um eine gewebeschonende Regeneration zu ermöglichen.[5]
Die Fortbewegung der Nagetiere variiert stark und reicht von laufenden (cursorialen) Erdhörnchen bis zu kletternden (scansorialen) Baumhörnchen, die reversible Hinterfüße besitzen. Spezialisierte Anpassungen umfassen den Gleitflug bei Flughörnchen (*Pteromyinae*) mittels Patagia sowie das Schwimmen bei Bibern (*Castoridae*) durch Schwimmhäute.[1] Das Sozialverhalten reicht von solitären Lebensweisen bei Hirschmäusen bis zur komplexen Eusozialität bei Nacktmullen (*Heterocephalus glaber*), die in Kolonien mit einer einzigen reproduktiven Königin leben. Während Promiskuität weit verbreitet ist, bilden Präriewühlmäuse (*Microtus ochrogaster*) monogame Paarbindungen, die durch Vasopressin-Rezeptoren im Gehirn gesteuert werden. Die Kommunikation erfolgt primär olfaktorisch, wobei Hausmäuse (*Mus domesticus*) Pheromone im Urin nutzen, um Territorien zu markieren und Dominanz zu signalisieren.[5] Viele Arten nutzen zudem Ultraschalllaute (USVs); Ratten (*Rattus norvegicus*) emittieren beispielsweise 50-kHz-Rufe in positiven sozialen Kontexten und 22-kHz-Rufe bei Stress.[1] Visuelle Signale wie das Schwanzflaggen bei Kalifornischen Zieseln (*Otospermophilus beecheyi*) dienen der Abwehr, indem sie Klapperschlangen Wachsamkeit signalisieren.[5] Das Nahrungsverhalten umfasst Strategien wie das Verstecken von Einzelvorräten (Scatter-hoarding) bei Eichhörnchen, was ein ausgeprägtes räumliches Gedächtnis erfordert.[3] Packratten (*Neotoma*) zeigen komplexe Objektmanipulationen, indem sie aus Trümmern umfangreiche Haufen als Territoriumsmarkierung errichten.[5] Zur territorialen Verteidigung setzen Biber (*Castor fiber*) Duftmarken aus Castoreum ein, deren Dichte saisonal zur Abschreckung von Eindringlingen variiert wird.[2]
Ökologisch fungieren Nagetiere als bedeutende Samenverbreiter, Bestäuber und Prädatoren von Insekten, während sie durch ihre Grabtätigkeit zur Bodendurchlüftung und zum Nährstoffkreislauf beitragen.[1] Sie besiedeln nahezu alle terrestrischen Lebensräume weltweit, von Wäldern und Grasländern bis hin zu Wüsten und aquatischen Systemen, wobei sie lediglich in der Antarktis fehlen.[2] Das Nahrungsspektrum reicht von reinen Herbivoren wie Wühlmäusen (*Microtus*) über Granivoren wie Streifenhörnchen (*Tamias*) bis hin zu Omnivoren und spezialisierten Insektivoren.[1] Viele Arten nutzen die Enddarmfermentation im Blinddarm und praktizieren Koprophagie, um schwer verdauliche Pflanzennahrung effizient zu verwerten und essentielle Vitamine aufzunehmen. An aride Mikroklimata angepasste Spezies wie Kängururatten (*Dipodomys*) können durch extrem konzentrierten Urin ohne freies Wasser überleben und ihren Flüssigkeitsbedarf rein metabolisch decken.[5] Im Nahrungsnetz bilden Nagetiere eine fundamentale Beutebasis für Greifvögel, Karnivoren und Reptilien, wodurch sie deren Populationsdynamiken maßgeblich beeinflussen.[1] Populationszyklen bei Arten wie Lemmingen (*Lemmus*) werden oft durch dichteabhängige Faktoren wie Überweidung und Ressourcenerschöpfung getrieben, was zu drastischen Bestandsschwankungen führt.[2] Durch das Verstecken von Sämereien fördern 'Scatter-hoarding'-Arten wie Eichhörnchen (*Sciurus*) die Pflanzenregeneration, da vergessene Depots oft zur Keimung gelangen.[5] In urbanen Ökosystemen führt die klimatische Erwärmung zu verlängerten Aktivitätsphasen und erhöhten Reproduktionsraten bei kommensalen Gattungen wie *Rattus*.[3] Invasive Nagetiere verdrängen auf Inseln endemische Arten und dezimieren durch Prädation auf Eier und Jungtiere massiv die Bestände von Seevögeln.[6]
Obwohl Nagetiere ökologisch wichtige Funktionen als Samenverbreiter und Bodenbelüfter erfüllen, gelten einige Arten wie Ratten und Mäuse als bedeutende Agrarschädlinge und Krankheitsüberträger. Im landwirtschaftlichen Sektor verursachen Wühlmäuse (*Microtus* spp.) massive Ernteverluste, indem sie beispielsweise in Obstplantagen Wurzeln und Stämme benagen, was Ertragseinbußen von bis zu 35 % zur Folge haben kann.[9] Im urbanen Raum führen kommensale Arten wie die Wanderratte (*Rattus norvegicus*) zu strukturellen Schäden, indem sie Fundamente untergraben und elektrische Leitungen anknabbern, was Brandgefahren erzeugt.[5] Die medizinische Relevanz ist hoch, da Nagetiere Zoonosen wie die Pest (*Yersinia pestis*) über Flöhe oder das Hantavirus durch aerosolierte Exkremente von Hirschmäusen (*Peromyscus maniculatus*) übertragen. Zudem fungieren Ratten als Reservoir für *Leptospira*-Bakterien, die über Urin in Wasser und Boden gelangen und Infektionsrisiken erhöhen.[2] Typische Befallsanzeichen umfassen sichtbaren Kot, Urinspuren sowie Fraßschäden an Materialien und Vorräten.[5][2] Zur Bekämpfung werden häufig antikoagulante Rodentizide wie Brodifacoum eingesetzt, die jedoch das Risiko von Sekundärvergiftungen bei Nichtzielarten wie Greifvögeln bergen.[5] Als chemische Alternative für die Begasung geschlossener Räume wurden Wirkstoffe wie 2-Chlorpentafluorpropen entwickelt, um Methylbromid zu ersetzen. Physikalische Maßnahmen beinhalten den Einsatz von Schlag- und Lebendfallen, deren Effektivität jedoch ein intensives Monitoring voraussetzt.[1] Auf Inselökosystemen stellen invasive Arten wie die Hausratte (*Rattus rattus*) eine existenzielle Bedrohung für Seevögel dar, weshalb dort Eradikationsprogramme zum Schutz der Biodiversität durchgeführt werden.[6] Zukünftige Managementstrategien müssen berücksichtigen, dass die urbane Erwärmung die Brutzeiten verlängert und die Aktivität von *Rattus*-Populationen in Großstädten signifikant erhöht.[3]
Nagetiere verursachen weltweit massive wirtschaftliche Schäden, wobei Schätzungen bereits in den 1980er Jahren den jährlichen Nahrungsmittelverlust auf über 42 Millionen Tonnen im Wert von 30 Milliarden US-Dollar bezifferten. In der Landwirtschaft führen Wühlmäuse wie die Wiesenwühlmaus (*Microtus pennsylvanicus*) durch Rindenfraß zu erheblichen Ertragseinbußen; so verursachten Dichten von 1.700 Tieren pro Acre in Washingtoner Apfelplantagen Produktionsrückgänge von 35 %, was einem Verlust von etwa 3.000 US-Dollar pro Acre entsprach. Auch in Europa schädigte die Feldmaus (*Microtus arvalis*) in betroffenen Gebieten bis zu 24 % der Bäume durch Nageaktivitäten.[9] Im Bauwesen und der Infrastruktur verursacht die Wanderratte (*Rattus norvegicus*) hohe Kosten, indem sie Fundamente untergräbt und elektrische Leitungen anfrisst, was Brände auslösen kann.[5] Aktuelle Daten aus dem Jahr 2025 zeigen in Großstädten einen klimabedingten Anstieg der Populationen, was das Schadenspotenzial in urbanen Räumen weiter erhöht.[3] Historisch war der Handel mit Biberfellen (*Castor canadensis*) ein zentraler Wirtschaftsfaktor in Nordamerika, während heute Arten wie die Nutria (*Myocastor coypus*) in Louisiana oder Chinchillas (*Chinchilla lanigera*) in Südamerika für die Pelzproduktion genutzt werden.[10][2] Als Fleischlieferanten tragen Nagetiere in Westafrika zur Ernährungssicherung bei, wo Rohrratten (*Thryonomys swinderianus*) und Pinselstachler bis zu 73 % des lokal produzierten Fleisches in Teilen Ghanas ausmachen. Eine bedeutende wirtschaftliche Rolle spielen sie zudem in der biomedizinischen Forschung, wo Mäuse und Ratten fast 90 % der Versuchssäugetiere stellen und essenziell für die Medikamentenentwicklung sind.[2] Zur Eindämmung wirtschaftlicher Verluste kommen in der Lagerhaltung chemische Bekämpfungsmittel wie Antikoagulanzien oder spezifische Begasungsmittel zum Einsatz.[1]