Die *Arvicolinae* werden taxonomisch als Unterfamilie der Nagetiere innerhalb der Familie der Wühler (*Cricetidae*) eingeordnet.[1] Historisch und in älterer Literatur findet sich häufig der Rang einer eigenständigen Familie unter dem wissenschaftlichen Namen *Arvicolidae*, der heute oft als Synonym betrachtet wird.[2] Im deutschen Sprachgebrauch wird das Taxon als "Wühlmäuse" bezeichnet. International fasst die Gruppe diverse im Englischen als "voles", "lemmings" und "muskrats" bekannte Tiere zusammen.[1] Die Unterfamilie zeichnet sich durch eine hohe Diversität aus und umfasst über 150 rezente Arten, die in etwa 28 bis 30 Gattungen und 8 bis 11 Tribus wie Arvicolini, Lemmini oder Ondatrini gegliedert sind.[1][2] Jüngste taxonomische Revisionen basierend auf molekularen Analysen führten zur Aufteilung der Gattung *Myodes* in *Clethrionomys* (für eurasische Rötelmäuse) und *Craseomys*. Zudem wurde die früher diskutierte Zugehörigkeit der Blindmulle (Myospalacinae) zu den *Arvicolinae* widerlegt; sie stehen phylogenetisch basal innerhalb der *Cricetidae*. Der fossile Ursprung der Gruppe lässt sich bis in das späte Miozän zurückverfolgen, wobei frühe Vertreter wie *Promimomys* in Asien beschrieben wurden.[2]
Die Vertreter der Unterfamilie *Arvicolinae* sind mittelgroße bis große mäuseartige Nagetiere mit einem gedrungenen Körperbau, stumpfen Schnauzen und kurzen Beinen. Die Kopf-Rumpf-Länge variiert erheblich und reicht von etwa 70 mm bei kleinen Arten wie dem Nördlichen Moorlemming (*Synaptomys borealis*) bis zu über 300 mm bei der Bisamratte (*Ondatra zibethicus*), wobei das Körpergewicht zwischen 15 g und 1,8 kg liegt. Ein charakteristisches Merkmal ist der im Verhältnis zum Körper kurze Schwanz, der meist weniger als die Hälfte der Kopf-Rumpf-Länge misst, sowie kleine, runde Ohren, die oft im Fell verborgen sind. Das dichte, weiche Fell variiert saisonal und zeigt meist eine grizzled-braune bis kastanienbraune Grundfärbung auf der Oberseite, während die Unterseite blasser grau erscheint. Der Schädel ist robust und kantig gebaut, um die kräftige Kaumuskulatur aufzunehmen, und beherbergt eine Zahnformel von 1/1, 0/0, 0/0, 3/3 für insgesamt 16 Zähne. Bestimmungsrelevant sind die hochkronigen (*hypsodonten*) Backenzähne, die aus alternierenden dreieckigen Prismen und Schmelzschlingen bestehen und speziell an das Zermahlen harter Pflanzennahrung angepasst sind. Bei den meisten rezenten Arten sind diese Molaren wurzellos (*aradikular*) und wachsen zeitlebens nach, um den Abrieb durch die Nahrung zu kompensieren. Die Vorderbeine sind häufig zum Graben spezialisiert und weisen starke, gekrümmte Krallen sowie robuste Humeri auf, während die Schlüsselbeine oft reduziert sind, um die Beweglichkeit in engen Gängen zu erhöhen. Die Augen sind generell klein und an schlechte Lichtverhältnisse angepasst, was der oft dämmerungsaktiven oder unterirdischen Lebensweise entspricht.[1][2] Ein Sexualdimorphismus ist meist nur schwach ausgeprägt; bei einigen Arten wie *Microtus californicus* sind Männchen jedoch etwas größer, insbesondere im postkranialen Skelett.[2] Aquatische Spezialisten wie die Bisamratte unterscheiden sich durch spezifische Anpassungen wie einen seitlich abgeplatteten Schwanz und eine Körpergröße von bis zu 35 cm von rein terrestrischen Verwandten.[1] Zur Unterscheidung der Tribus werden primär Zahnmerkmale herangezogen; so besitzen Echte Lemminge (*Lemmini*) vereinfachte Molaren mit reduzierter Höckerkomplexität im Vergleich zu anderen Wühlmäusen.[1][2]
Die Unterfamilie *Arvicolinae* umfasst Wühlmäuse, Lemminge und Bisamratten, die als mittelgroße bis große muroide Nagetiere vorwiegend die gemäßigten und kalten Zonen der Holarktis besiedeln. Charakteristisch für das Erscheinungsbild im natürlichen Lebensraum ist der gedrungene, walzenförmige Körperbau mit kurzen Gliedmaßen und einem meist kurzen Schwanz, der die Beweglichkeit in dichter Vegetation oder unterirdischen Gangsystemen erleichtert. Das dichte, weiche Fell variiert saisonal oft zwischen Braun- und Grautönen, was sowohl der Tarnung als auch der Thermoregulation in kalten Klimaten dient.[1][2] Eine zentrale anatomische Anpassung stellt das Gebiss dar, insbesondere die prismatischen Molaren mit alternierenden dreieckigen Kauflächen, die auf das Zermahlen harter Pflanzennahrung spezialisiert sind.[2] Bei den meisten Arten sind diese Backenzähne wurzellos und wachsen zeitlebens nach (hypsodont), um den starken Abrieb durch silikatreiche Gräser zu kompensieren.[1][2] Die Schmelzstruktur bildet durch unterschiedliche Abnutzungsgeschwindigkeiten von Dentin und Schmelz selbstschärfende Schneidkanten.[2] Skelettal zeigen viele Arten Anpassungen an eine grabende Lebensweise, wie etwa robuste Schädel und reduzierte Schlüsselbeine, die den Vorderbeinen mehr Bewegungsfreiheit in engen Tunneln gewähren.[1] Physiologisch zeichnen sich *Arvicolinae* durch eine hohe basale Stoffwechselrate aus, die ihnen erlaubt, ohne Winterschlaf auch in subnivalen Zonen unter der Schneedecke aktiv zu bleiben.[2][1] Die Sinneswahrnehmung ist stark auf den Geruchssinn fokussiert, wobei ein gut entwickelter akzessorischer Riechkolben Pheromone für die Revier- und Partnererkennung verarbeitet, während der Sehsinn aufgrund der kleinen Augen eine untergeordnete Rolle spielt.[3][1] Zur Wasserregulation in trockenen Habitaten besitzen die Nieren verlängerte Henle-Schleifen, die eine effektive Harnkonzentration ermöglichen.[3] Die Fortpflanzungsbiologie ist auf maximale Reproduktionsraten ausgelegt, mit induzierter Ovulation und kurzen Tragzeiten von 20 bis 30 Tagen. Die Jungtiere entwickeln sich rasch, wobei Weibchen oft direkt nach der Geburt erneut empfängnisbereit sind (Postpartum-Östrus), was in günstigen Jahren zu massiven Bestandsdichten führen kann.[1] Ein Sexualdimorphismus ist meist nur schwach ausgeprägt, wenngleich Männchen in polygynen Systemen wie bei *Microtus californicus* oft etwas größer sind und stärkere postkraniale Skelettelemente aufweisen. Historisch betrachtet hat sich die Gruppe seit dem späten Miozän von Asien aus über die Bering-Landbrücke ausgebreitet und dabei eine enorme Artenvielfalt entwickelt.[2]
Das Sozialverhalten der *Arvicolinae* variiert stark je nach Art und Ressourcenverfügbarkeit und reicht von solitär lebenden, territorialen Individuen bis hin zu kolonialen Gruppen. Während viele Arten ihre Reviere mittels Duftdrüsen markieren, bilden andere wie die Präriewühlmaus (*Microtus ochrogaster*) monogame Paare und praktizieren eine kooperative Jungenaufzucht. Die Kommunikation erfolgt primär über olfaktorische Signale, die durch einen gut entwickelten akzessorischen Riechkolben verarbeitet werden, um Pheromone und Territoriumsgrenzen wahrzunehmen. Da der Sehsinn oft nur schwach ausgeprägt ist, orientieren sich die meist dämmerungs- oder nachtaktiven Tiere vorwiegend über Tast- und Geruchssinn.[1] Die Fortbewegungsstrategien sind hochgradig an den Lebensraum angepasst: Arten der Gattung *Microtus* legen komplexe unterirdische Tunnelsysteme an, während Lemminge im Winter Laufwege unter der Schneedecke nutzen.[1][2] Die Bisamratte (*Ondatra zibethicus*) zeigt eine semi-aquatische Lebensweise, errichtet Burgen aus Wasserpflanzen und gräbt Uferbaue mit Unterwassereingängen. Um winterliche Nahrungsengpässe zu überbrücken, legen viele Vertreter Vorräte aus Wurzeln und Samen in ihren Nestern oder Bausystemen an. Zu den Strategien der Feindvermeidung zählen akustische Warnrufe, die schnelle Flucht in Baue oder ins Wasser sowie das Zusammenkauern in Gruppen zur Tarnung.[1] Ein charakteristisches Phänomen ist die zyklische Massenvermehrung alle drei bis fünf Jahre, die bei Lemmingen zu dichteabhängigen Wanderungen über große Distanzen führen kann.[2]
Die Vertreter der *Arvicolinae* besetzen eine breite Palette von Habitaten, die von Wäldern und Tundra bis hin zu Sümpfen, Grasland und semiariden Regionen reichen, wobei sie eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche ökologische Bedingungen zeigen. Während Wühlmäuse der Gattung *Microtus* bevorzugt Wiesen, Weiden und landwirtschaftliche Flächen besiedeln und dort komplexe Tunnelsysteme im Boden anlegen, bewohnen Lemminge vorwiegend offene Tundra und arktisches Grasland. Eine spezialisierte semi-aquatische Nische nimmt die Bisamratte (*Ondatra zibethicus*) ein, die in Feuchtgebieten, Teichen und Bächen mit dichter Vegetation wie Rohrkolben lebt und dort Burgen aus Pflanzenmaterial errichtet. Als vorwiegend herbivore Konsumenten ernähren sich die meisten Arten von Gräsern, Wurzeln und Rinde, wobei einige Spezies omnivore Tendenzen zeigen und Insekten oder kleine Wirbeltiere in ihr Nahrungsspektrum aufnehmen. Durch ihre intensive Fraßtätigkeit und Grabaktivität beeinflussen sie maßgeblich die Vegetationsstruktur und fungieren als Schlüsselarten (*keystone species*) in den Nahrungsnetzen von Tundra und Grasland. Sie stellen eine primäre Nahrungsquelle für zahlreiche Prädatoren dar, darunter Greifvögel, Eulen, Füchse und Schlangen, deren Populationsgrößen oft eng mit denen der Nager synchronisiert sind. Diese Räuber-Beute-Beziehungen werden stark durch die zyklischen Massenvermehrungen der *Arvicolinae* geprägt, die alle 3 bis 5 Jahre auftreten und Dichten von bis zu 1000 Individuen pro Hektar erreichen können.[1] Um in kalten Klimazonen ohne Winterschlaf zu überleben, nutzen viele Arten im Winter die subnivale Zone unter der Schneedecke, die ein stabileres Mikroklima bietet und Schutz vor extremen Temperaturen gewährt.[2] Fossoriale Anpassungen ermöglichen es ihnen zudem, ausgedehnte Gangsysteme zu graben, die als Schutzraum dienen und die Nahrungssuche im Boden oder unter Schnee erleichtern.[1]
Innerhalb der Unterfamilie *Arvicolinae* gelten mehrere Arten als bedeutende Agrar- und Forstschädlinge, insbesondere Vertreter der Gattungen *Microtus* und *Ondatra*.[1] Ihre spezialisierte Bezahnung mit wurzellosen, ständig nachwachsenden Molaren erfordert permanentes Nagen an harter Vegetation, Wurzeln und Rinde, was zu erheblichen Fraßschäden an Kulturen führt.[2] In landwirtschaftlich genutzten Flächen legen Wühlmäuse komplexe unterirdische Tunnelsysteme an, die die Bodenstabilität beeinträchtigen und Wurzelsysteme zerstören.[4] Der Bisam (*Ondatra zibethicus*), der als invasive Art in Europa und Asien etabliert ist, verursacht durch das Graben tiefer Uferbaue spezifische Schäden an Deichen und Wasserwegen.[1][3] Das Schadpotenzial korreliert stark mit zyklischen Massenvermehrungen, bei denen Populationsdichten von bis zu 1000 Individuen pro Hektar erreicht werden können. Ein effektives Management erfordert daher ein Monitoring dieser Zyklen, da bei Dichte-Peaks Massenwanderungen zur Besiedlung neuer Areale führen.[2] Zur physikalischen Bekämpfung werden unter anderem spezialisierte Lebendfallen eingesetzt, die durch Mehrfachfang-Mechanismen eine effiziente Reduktion hoher Bestandsdichten ermöglichen. Als Vergrämungsmaßnahme kommen Vorrichtungen zum Einsatz, die akustische Signale oder Vibrationen in den Boden leiten, um die Tiere ohne letale Wirkung zu vertreiben. Chemische Bekämpfungsansätze umfassen die Einleitung von Verbrennungsgasen wie Kohlenmonoxid in das Gangsystem, um eine Erstickung der Schädlinge herbeizuführen. Alternativ nutzen Repellent-Systeme die Kombination aus Rauchentwicklung und verdampfenden Naturstoffen, um eine Meidung des Areals zu bewirken.[1] Trotz ihres Status als Schädlinge fungieren native *Arvicolinae* in Tundra- und Graslandökosystemen als Schlüsselarten, die die Vegetationsstruktur regulieren und als Hauptnahrungsquelle für Prädatoren dienen.[2] Ein integriertes Management muss daher die Balance zwischen Schadensbegrenzung und dem Schutz bedrohter, endemischer Arten in isolierten Habitaten wahren.[1]
Vertreter der *Arvicolinae*, insbesondere Wühlmäuse der Gattung *Microtus* und die Bisamratte (*Ondatra zibethicus*), besitzen eine hohe wirtschaftliche Relevanz als Agrarschädlinge sowie historisch als Pelzlieferanten. Arten wie die Feldmaus (*Microtus arvalis*) besiedeln bevorzugt Weiden und landwirtschaftliche Nutzflächen, wo sie durch Fraß an Wurzeln und Pflanzen erhebliche Schäden verursachen. Während zyklischer Massenvermehrungen können Dichten von bis zu 1000 Individuen pro Hektar auftreten, was zu massiven Vegetationsverlusten führt. Im Wasserbau verursacht die Bisamratte durch ihre Grabtätigkeit in Uferböschungen und Deichen strukturelle Schäden, die Instandsetzungen an Gewässern und Feuchtgebieten erfordern.[1] Ursprünglich wurde *Ondatra zibethicus* im 19. und frühen 20. Jahrhundert gezielt zur Pelzgewinnung in Europa und Asien eingeführt, bevor sich die Art invasiv ausbreitete. Die wirtschaftliche Notwendigkeit zur Bestandsregulierung spiegelt sich in der Entwicklung spezifischer Bekämpfungstechnologien wider, darunter Vorrichtungen zur Begasung von Gangsystemen mit Kohlenmonoxid. Ergänzend kommen biologisch abbaubare Repellents und Rauchsysteme zum Einsatz, um die Nager aus bewirtschafteten Flächen zu vergrämen. Für den mechanischen Schutz werden zudem Mehrfachlebendfallen und akustische Vertreibungsgeräte genutzt, um Schäden im Garten- und Landschaftsbau zu minimieren. Trotz ihres Schadpotenzials fungieren viele Arten als Schlüsselarten in Tundra- und Graslandökosystemen, da sie als Nahrungsgrundlage für Prädatoren essenziell sind.[1]